Durchsuchen nach
Autor: Rainer Gutdeutsch

Wenn es mit dem Unverfänglichen nicht klappt

Wenn es mit dem Unverfänglichen nicht klappt

Manchmal ist es so, dass unsere Gesprächspartner unsere Angebote, auf Nebenschauplätze oder vermeintlich Unverfängliches zu sprechen zu kommen, schlichtweg ablehnen. Dies mag vor allem dann vorkommen, wenn unser Gegenüber einen großen Leidensdruck hat und die idiolektische Technik noch nicht kennt. Aber ich kenne es ja auch von mir selber – manchmal will ich „Tacheles reden“ und nicht über nette Blumen und Käfer im Sonnenschein. Wie also umgehen mit dem Wunsch meiner Gesprächspartnerin/meines Gesprächspartners und meinem Bestreben nach „Konkretem, vermeintlich Unverfänglichem“ zu fragen? Immerhin war dies ja der Einstieg in die Idiolektik, oder?

Nun, ich habe Gott sei Dank die Technik, welche sich per se ja nicht ändert, das heißt, ich kann meinen Handwerkskoffer nehmen und mit den bekannten Werkzeugen arbeiten. Welche Möglichkeiten gibt es denn, und was kann hilfreich sein?

„Gibt es etwas, das Du heute erzählen magst?“

„Naja… eigentlich wollte ich ja von meinen Plänen mit der Firma erzählen, aber jetzt… mein Nacken, meine Schultern tun seit Tagen weh, oder… nein, nicht weh, aber da ist so Druck und Spannung oder so… das zieht sich den Rücken runter bis hierhin ungefähr (deutet auf Nierengegend). Ist halt nicht angenehm.“

„Was sind denn die Pläne für Deine Firma?“

„Ah, da mag ich jetzt gar nicht reden. Aber das mit dem Rücken und so…“

Der erste Gesprächseinstieg, auf eine vermeintliche Ressource zu kommen, wurde also abgelehnt. Vielleicht wäre es besser gewesen, an dieser Stelle ganz offen zu fragen „Und jetzt – worüber magst Du jetzt reden?“, dann wäre diese kleine Irritation vielleicht ausgeblieben. In meinem Bemühen, anfangs auf das vermeintlich Unverfängliche zu kommen, habe ich wohl ein gegenteiliges Signal übersehen. Um das transparent zu machen, frage ich also weiter und lasse mir -nach einer Bestätigung- „das mit dem Rücken“ beschreiben.

„Ich habe den Eindruck, das mit dem Rücken beschäftigt Dich gerade?“

(nickt und brummt was in der Art von Mhm)

„Kannst Du mir das etwas genauer beschreiben, wie das jetzt gerade ist?“

Ich greife also auf die Technik, mir etwas beschreiben lassen zurück – auch hätte ich konkreter fragen können „Kannst Du mir den Druck und die Spannung genauer beschreiben? Wie kann ich mir die vorstellen?“, aber in der Gesprächssituation fiel mir dies aus welchen Gründen auch immer nicht ein.

(Setzt sich aufrechter hin, macht kurz ein Hohlkreuz) „Jetzt gerade… hmm…“ (kreist mit den Schultern) „Es fühlt sich wie eingerostet an, aber so große Kreise mit den Schultern, also mit… das tut gut, da knirscht und grammelt es richtig.“

„Knirscht und grammelt?“

„Ja, als würde sich da ganz viel Rost lösen irgendwie. Aber dazu… Also, das geht nur wenn ich ganz große Kreise mache.“

„Und wenn sich der Rost löst… Was ist dann?“

„Dann geht die Bewegung viel leichter. Jetzt tut sie… jetzt ist sie unangenehm, jedenfalls ab hier.“ (verharrt in einer bestimmte Position, der Oberarm ist etwa auf Höhe des Ohres) „Aber wenn ich da jetzt ganz langsam weiter mache…“ (macht die entsprechende Bewegung) „… dann geht es. Und wenn ich es noch einmal mache, geht es besser. Und irgendwann… naja, man wir ja noch träumen dürfen.“ (Lacht wie verlegen)

Das Bild vom Rost, der sich ablöst, führte zu ganz konkreten körperlichen Bewegungen und Empfindungen. Konkreter geht es ja fast nicht. Wir blieben eine ganze Weile bei diesen Bewegungen und dem Traum, dass er „ganz geschmeidig, kraftvoll und ohne Schmerzen die Arme wie eine Windmühle herumschleudern“ kann.

„Wie macht das eine Windmühle?“

„Naja, die ist ganz stabil gebaut. Die muss gut verankert sein. Ja, und sie… ha, ich glaube, die kann sich mit dem Wind drehen, also so ausrichten, so… dass sie den Wind halt optimal auffangen kann. Und wenn der Wind zu stark ist, dann kann man irgendwie die Flügel anlegen, ich denke das ist ganz wichtig.“

„Und wann weiß man, wann man die Flügel anlegen muss?“

„Ja, ich denke das ist Erfahrung. Oder vielleicht spürt man es auch, ich kann mir vorstellen, dass die Mühle dann vibriert, so auf eine Art dass man weiß… Vielleicht passiert das auch von alleine, also dass da so ein Mechanismus ist, der die Flügel einklappt, wenn sich das Ding zu schnell dreht. Das wäre natürlich ziemlich schlau.“

Im Laufe des Gespräches pendelten wir zwischen dem Schulter-Rückenbereich, Rost und der Windmühle hin und her. Auch ein Falke und ein Tölpel kamen kurz vor – sie legen die Flügel ganz eng an, um Geschwindigkeit aufzubauen, im Falle des Tölpels um tief ins Meer einzutauchen. Aber das Hauptbild, die Hauptmetapher war die Windmühle. Dabei tauchte wieder der „Druck und Spannung“ von der Eingangssequenz auf.

„Druck und Spannung – wie kann ich mir das vorstellen?“

„Hmm… So das Gefühl, dass… ja, dass auch in Ruhe die Muskeln angespannt sind. Wäre dabei doch gar nicht nötig. (…)“

„Und hast Du eine Idee, wann es gut sein könnte, die Muskeln angespannt zu haben?“

„Wenn ich in Gefahr bin. Oder auf der Hut sein muss, damit ich dann ganz schnell reagieren kann. Aber irgendwann muss doch auch mal Ruhe sein, oder?

Wir blieben eine kleine Weile bei diesem Gegensatzpaar Spannung und Ruhe. Die Sequenz endete damit, dass mein Gegenüber sich im Sessel zurechtrückte und eine Position einnahm, die er beschrieb als

„So wie jetzt… Da kann ich ruhig sein. Ich habe da eine Stütze im Rücken, auch einen Schutz. Da kann nix kommen. Und auch mein Kopf… es ist gut, den Kopf auch anlehnen zu können. Zu Hause habe ich keinen solchen Sessel…“ (Lacht) „Ich glaub, ich werd mir so einen kaufen!“

(…)

„Und wenn Du jetzt so zurückdenkst an das Gespräch… die Schultern, Druck und Spannung, Rost der sich löst, Windmühlen die wissen, wann sie die Flügel einklappen müssen… und auch an die Vögel… Was geht Dir dann so durch den Sinn?“

„Hmm… dass ich so die Schultern, also dieses Schulterkreisen hat gut getan, fühlt sich schon besser an. Und was mir so durch den Sinn geht… Irgendwie dass… so ein Bild, dass man sich manchmal von Wind so richtig durchputzen lassen muss, mit ausgebreiteten Flügeln. Dann fliegt der ganze Rost weg. „

Das Gespräch endete kurz nach dieser Sequenz. Leider fand es keine Fortsetzung. Natürlich hätte ich gerne gewusst, ob das Gespräch und die aufgetauchten Bilder sich als hilfreich erwiesen haben. Aber so ist das halt – manchmal dürfen wir sozusagen die Ernte eines Gespräches miterleben, und manchmal eben nicht.

Buchtipp „Zauberfragen“

Buchtipp „Zauberfragen“

Peter Winkler
Zauberfragen
Die Prinzessin, die fragen konnte
Huttenscher Verlag 507
ISBN 978-3-930823-09-3

Als meine Kinder klein waren, erzählte ich ihnen erfundene Geschichten vom großen weißen Pferd und dem kleinen dicken Pony – das kleine dicke Pony hatte meist irgendwelche Probleme, und das große Pferd konnte mit idiolektischen Fragen etwas Entspannung bringen. Und an diese Zeit fühlte ich mich zurückversetzt, als ich das Buch „Zauberfragen“ las – auch wenn meine Kinder noch kleiner waren als jene, an die sich die Empfehlung richtet (11-111 Jahre).

Was ist nun der Inhalt des Buches? Es erzählt die Geschichte einer wohlbehüteten Prinzessin und ihres wohlbehütenden Vaters. Trotz des Behütetseins wird die Prinzessin krank und lernt, nachdem sich zahllose Heiler vergeblich um ihre Heilung bemüht hatten, den Fragemeister Davian kennen. Und dieser führt sie in die Wunderwelt der Zauberfragen ein.

Kapitel für Kapitel übt sich die Prinzessin im Fragen und Zuhören, und entdeckt dabei neue Blickwinkel auf scheinbar Altbekanntes. Dann und wann stößt sie dabei an ihre Grenzen, aber dank ihres Lehrers und später, als er nicht mehr bei ihr ist, ihrer wachsenden Erfahrung findet sie immer wieder Wege, ihre Zauberfragen zu stellen, die den Befragten neue Einsichten bescheren.

Sie erfährt, dass es innerhalb der eigenen Familie gar nicht so einfach ist, sich an die Zauberfragen zu erinnern, und dass es Menschen gibt, die in den Zauberfragen lediglich ein Mittel sehen, „wie man seine oder ihre Amtsaufgaben mithilfe effektiver Fragetechniken verbessern könnte, meist, indem man Personen, die ihren Pflichten (jener der Minister, Anm.) entgegenwirkten, schnell erkennen und unschädlich machen könnte.„, wogegen sie sich verwehrt. Aber sie findet andere Personen, die aus purer Begeisterung und Freude diese Kunst erlernen und mit ihrer Begeisterung andere anstecken, sodass diese Zeit als ein goldenes Zeitalter in Erinnerung bleibt.


Um es vorweg zu nehmen: ich lese gerne Kinderbücher. Und so ist es kein Wunder, dass ich dieses Buch gleich in einem Aufwasch gelesen habe. Es war ein Vergnügen, den Ausführungen Davians sozusagen zu lauschen und zu bemerken, welche Bilder und Erinnerungen in mir aufsteigen.

Ich muss gestehen, dass ich schon lange ein Buch herbeigesehnt habe, das auch in seiner Eigensprache den Humor und die Leichtigkeit, die kennzeichnend für viele idiolektische Gespräche sind, transportiert. Und so finde ich es wunderbar, dass es nun neben der Fachliteratur, die sich an ein spezielles Fachpublikum wendet und sich einer bestimmten Fachsprache bedient, auch ein Buch gibt, das in einem ganz anderen Gewand daher kommt. Es wäre schön, wenn weitere folgen würden. Der Auto hat ja bereits etliche Fachbücher geschrieben, und dass er sich nun auf das Parkett des Kinderbuches wagt finde ich mutig und mutmachend.

Leider sind dem Lektorat einige Kleinigkeiten entgangen, was mich immer wieder mehr irritiert, als ich mir eingestehen möchte. Das hält mich aber nicht davon ab, dieses Büchlein gerne und aus ganzem Herzen zu empfehlen – wenn man noch ein bisserl kindliches Gemüt hat und gerne Märchen mag, dann ist dies ein wunderbar leichtflockiger Einstieg in die Technik und Haltung der Idiolektik.

Buchtipp „Inkognito“

Buchtipp „Inkognito“

David Eagleman
INKOGNITO
Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns
ISBN 978-3-570-55223-0

Nun lese ich das Buch von David Eagleman zum zweiten Male und bin wieder begeistert. Und wenn mich was begeistert, entwickle ich ein gewisses Mitteilungsbedürfnis, was sich dann in dem Gedanken niederschlug, dass ich diesen Blog hier ja auch für Buchtipps nutzen könnte. Und genau das möchte ich nun tun. Allerdings… Meine letzte Buchbeschreibung, so scheint es mir, habe ich wohl im Deutschunterricht im Gymnasium geschrieben. Es gibt sicherlich Regeln, wie eine solche zu gestalten sei – allerdings sind diese in der Tiefe meiner Gehirnwindungen unauffindbar geworden, sodass ich mich nun sozusagen regellos ans Werk mache. Mein Deutschlehrer möge mir verzeihen.

Seit geraumer Zeit bin ich bemüht, mir Wissen anzulesen, wie Sprache und Kommunikation denn „funktioniert“, und wie sich unser individuelles Bild von der Welt und der darin agierenden Wesen gestaltet. Ich bin weder Arzt noch Psychologe, und als solcher bin ich jedesmal dankbar, wenn ich auf Literatur stoße, die auch für mich als -wenngleich sehr interessierten, aber immer noch- Laien gut lesbar ist.

In „Inkognito“ beschreibt der Autor, welche Leistungen unser Gehirn laufend erbringt, ohne dass wir davon Kenntnis nehmen würden, und wie es unsere Entscheidungen beeinflusst.

„Ihr Bewusstsein ist wie ein blinder Passagier auf einem Ozeandampfer, der behauptet, das Schiff zu steuern, ohne auch nur von der Existenz des gewaltigen Maschinenraums im Inneren zu wissen.“

Eagleman, Inkognito

Im Buch finden sich zahlreiche Beschreibungen von Experimenten, die uns ein wenig hinter die eigenen Kulisse schauen lassen. Die angeführten Beispiele streifen die Lebenswelten von Richtern, Cup-Stackern, Baseball- oder Tennisspielern, Stripperinnen, japanischen Hühnerzüchtern und anderen.

Rund um die Beantwortung der eingangs gestellten Frage, wie ich mir mein individuelles Bild von der Welt und der darin agierenden Wesen gestalte, liefert „Inkognito“ mir zahlreiche Denkanstöße, bzw. bringt Belege, dass nicht das, was ich gemeinhin als „ich“ bezeichne, mein Bild von der Welt gestaltet, sondern zahlreiche Instanzen in meinem Gehirn sozusagen ihren Senf dazugeben und hinter „meinem“ Rücken, ohne mich zu fragen, dieses Bild fertigstellen bzw. laufend daran herumbessern.

Ich musste beim Lesen öfters an einen anderen Buchtitel denken, ich glaube er lautet in etwa „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“. Vor allem im Kapitel „Ein Team von Gegenspielern“ beschreibt Eagleman, wie ich mir Entscheidungsprozesse im Gehirn als das Ergebnis einer lebhaften parlamentarischen Auseinandersetzungen vorstellen kann. Und er zeigt auf, wieso diese Entscheidungsprozesse nicht jedesmal zum selben Ergebnis kommen – je nachdem, welche meiner inneren Parteien im Parlament gerade die Oberhand hat (egal, wie diese errungen wurde!), kann das Ergebnis einmal so und ein anderes Mal komplett konträr ausfallen.

Auch die daraus resultierende Frage des „freien Willens“ lässt der Autor nicht aus und bringt Gedanken ein, wie eine Rechtsprechung aussehen könnte, die die Erkenntnisse der Neurowissenschaften berücksichtigen würde.

Kurz gesagt: für Menschen, die zwar auf Fachvokabular, aber nicht auf fundierte Informationen zum Thema „ich und die Welt“ verzichten wollen, ist dieses Buch, denke ich, eine wunderbare Gelegenheit, sich ein bisserl in die Innenwelten entführen zu lassen.

Zum Abschluss noch ein Zitat – die letzten Zeilen des Buches.

„Es ist ein Organ, das uns fremd und exotisch vorkommt, doch seine detaillierten Verschaltungsmuster bilden die Landschaft unseres Innenlebens. Unser Gehirn ist ein verwirrendes Meisterwerk, und wir haben das Privileg, in einer Zeit zu leben, die die Technologie und den Willes hat, es zu erforschen. Es ist das Erstaunlichste, was das Universum hervorgebracht hat. „

Eagleman, Inkognito
Konkret, vermeintlich unverfänglich … immer?

Konkret, vermeintlich unverfänglich … immer?

In einer der letzten Übungsgruppen führten wir ein Gespräch, das sehr rasch symbolhaften Charakter annahm, was sich auch in der Art der Fragen niederschlug. Die Art irritierte einen Teilnehmer – denn wir hatten ja bislang betont, dass Idiolektik gerne konkrete, unverfängliche Schlüsselwörter aufgreift und nachfragt, und in diesem Gespräch wurden Bilder nachgefragt, die diese Kriterien auf den ersten Blick nicht erfüllten. Grund genug, paar Gedanken niederzuschreiben.

Diese ganz klassischen Fragen (möglichst konkrete und vermeintlich unverfängliche Schlüsselworte aufgreifen und näher beschreiben lassen) sind ganz wunderbar, wenn das Gespräch sich sozusagen auf der Ebene der äußeren Welt bewegt. Es gibt Gespräche, die diese Ebene nie verlassen, und da reichen diese klassischen Fragen auch aus. Denn wir können uns darauf verlassen, dass das Gehirn unseres Gegenübers Verbindungen zwischen dem Erzählten und Lebensthemen herstellt, ohne dass wir das mitbekommen müssen. „Tiefe“ ist für uns als Fragende nicht immer sichtbar – diese Erkenntnis war sehr wichtig für mich.

Wenn das Gespräch aber die äußere Welt der konkreten Dinge verlässt und in etwas eintritt, das ich hier mal als Innenwelt bezeichnen möchte, dann ändern sich einige Aspekte, nach denen ich die nachzufragenden Worte auswähle. Eine Rückkehr in die Außenwelt wird oft nicht goutiert – wenn wir diese Innenwelt gemeinsam betreten, dann kann es sein, dass wir die restliche Gesprächszeit dort verbringen.

In der Innenwelt zeigen sich symbolische Bilder als Ausdruck innerer Prozesse. Es kommen Themen in Hörweite, die schwer scheinen. Wie kann ich diese Themen nachfragen und dabei z.B. ressourcenorientiert bleiben? Zum Beispiel, indem ich Schweres würdige, meine Berührtheit rückmelde. Schweres aussprechen zu können und zu spüren, dass jemand diese Schwere zu teilen bereit ist, kann sehr tröstlich und bestärkend sein.

Ev. kann ich den Fokus durch Fragen von der Schwere abziehen, indem ich zum Beispiel frage „Das muss viel Kraft kosten. Woher nimmst Du die?“. Aber ansonsten bleibe ich einfach bei der Technik: ich greife die Worte der anderen auf, und lasse sie mir beschreiben. „Ressource“ ist alles, was den Menschen in seinem Sein bestärkt und ihm ein möglichst großes Spektrum an Handlungsräumen ermöglicht. Eine solche Ressource kann sein, Dinge aussprechen zu dürfen, die belastend oder beängstigend sind. Im besten Falle wirst Du für dieses Hier und Jetzt selbst zu einer Ressource: mit Deiner Präsenz, Deiner Aufmerksamkeit, Deinem Nicht-Bewerten, Deinem Daranbleiben,

Die Fragen und Antworten sind aus der Erinnerung aufgeschrieben und gekürzt, um die für diese Betrachtung wesentlichen Punkte herauszuheben.


„Da hab ich sofort einen Bezug zu mir und meinen Brüsten hergestellt, die waren dann gleich verkrampft.“ (streichende Bewegung der Finger der rechten Hand über das Brustbein)

„Kannst mir was zu dieser Bewegung sagen?“ (wiederholt die Bewegung)

„Ja, das verbindet mich mit meinem Herzen.“

„Und was sagt das Herz dazu?“

„Dass es sicher ist. Aber… Da kommt eine ganze Ahnengeschichte… Da war es nicht so, dass das Herz sicher sein konnte. Aber meines ist sicher. Vielleicht ist das die neue Normalität?“

„Was Du da sagst von den Herzen Deiner Ahnen, das berührt mich… Kannst dazu was sagen?“

„Ja… da kommt so ein Bild, dass die Herzen so in einer Paketschnur eingewickelt sind, einer Angstschnur. „

„Für was mag diese Schnur gut gewesen sein?“

„Hmm… Jetzt ist es eine Erinnerungsschnur, die mich verbindet.“

Archaische Relikte

Archaische Relikte

In der Idiolektik (und nicht nur dort) werden unter „Archaischen Relikten“ Körperreaktionen verstanden, die fest in uns verdrahtet sind und auf die wir keinen direkten Einfluss haben. Sie sind in Hirnregionen verankert, die in einem frühen Stadium der Entwicklungsgeschichte das Überleben sicherten. Und reagieren vollautomatisch, sobald sie aktiviert werden, also unterhalb unserer Bewusstseinsgrenze.

Die daraus resultierenden Körperwahrnehmungen können von den Betroffenen durchaus als Krankheitssymptom empfunden werden, denen aber eine objektive Ursache zu fehlen scheint. Klassische Beispiele dafür wären Verdauungsprobleme, Herzklopfen, Muskelverspannungen im Nackenbereich, Gelenkschmerzen, Schwindelgefühle, um nur einige zu nennen.

Die Betroffenen nutzen zur Verdeutlichung ihrer Symptome durchaus metaphorischen Beschreibungen von Körperzuständen, wie zum Beispiel

  • Da bekomme ich weiche Knie
  • Es verschläft mir den Atem
  • Als würde ich Tonnen an Last stemmen müssen
  • Das liegt mir wie ein Stein im Magen
  • Da bekomme ich Schiss

Diese Körperzustände können wir (und das ist ein u.a. David Jonas zu verdankender Zugang) als Äußerungen eines lebendigen Organismus auffassen, der auf adäquate Art und Weise auf sein Umwelt reagiert. Dass dieses „adäquat“ sich jedoch auf eine lang zurückliegende, archaische Zeit bezieht, macht es nicht immer leicht, sich dieser Betrachtungsweise anzuschließen. Der Mensch war lange Zeit eher Beute als Jäger, und die daraus resultierenden Verhaltensmuster tragen wir als meist unbewusstes Erbe in uns. Schauen wir uns mal ein zugegebener Weise plakatives und stark vereinfachtes Beispiel an:

Stelle Dir vor, Du wärest ein Steinzeitmensch, streifst durch den Wald auf der Suche nach Essbarem, und plötzlich steht ein Säbelzahntiger vor Dir. Wie würdest Du reagieren?

Wenn Du Messer und Speer dabei hättest, könntest Du Dich vielleicht auf einen Kampf vorbereiten: Das Herz erhöht seine Schlagfrequenz, um eine erhöhte Sauerstoffzufuhr zu gewährleisten, die Muskeln um den Thorax spannen sich an, um die wichtigen inneren Organe gegen Zähne und Krallen zu schützen, verschiedene Botenstoffe werden ausgeschüttet, um das Schmerzempfinden zu senken und die Leistungsfähigkeit zu erhöhen.

Hast Du allerdings nur Deinen Sammelkorb dabei, wirst Du Dich vielleicht eher auf die Flucht vorbereiten – erhöhter Herzschlag, aber auch vermehrte Darmtätigkeit, um den Darm vor der Flucht zu entleeren.

Warst Du ein bisserl zu langsam, und der Säbelzahntiger ist bereits über Dir, bleibt Dir nur noch eines: Totstellen. Die Herzfrequenz sackt auf ein Minimum ab, Deine Muskeln werden schlaff. Mit etwas Glück wird der Jäger dann von Dir ablassen, da er seinerseits einen Reflex hat, nur bei Gegenwehr einen tödlichen Biss anzubringen.

Heute ist die Gefahr, einem Raubtier zum Opfer zu fallen, eher gering. Allerdings legen diese körpereigenen Mechanismen den Begriff „Gefahr“ durchaus großzügig aus. Obig beschriebene Reaktionen werden -abhängig vom Charakter und den Umständen- auch eingeleitet, wenn die eigentliche Situation nur im übertragenen Sinne mit der archaischen, oben beschriebenen, zu tun hat.

Die Idiolektik als Methode greift diese Beschreibungen der Symptome auf und lässt sich die wahrgenommenen Körperphänomene erzählen. Dann und wann reicht es schon aus, Fragen zur verwendeten Metapher zu stellen (Wie kann ich mir dies und jenes vorstellen? Wo oder wann könnte dies und jenes von Nutzen sein?), um den Erzählenden zu neuen Ein- oder Aussichten zu verhelfen. Im Bedarfsfall kann sie Erklärungsmodelle liefern, um einen neuen Blickwinkel auf das unerwünschte Verhalten ermöglichen. Dieser neue Blickwinkel kann im besten Falle zu einer Art Aussöhnung und Neubewertung des Verhaltens führen, welches sich dann vielleicht nicht mehr in seiner bisherigen Vehemenz zu zeigen braucht.


Empfehlenswert dazu: „Signale der Urzeit“ vom Ehepaar Jonas (siehe Literaturseite)

Das neue Jahr 2022

Das neue Jahr 2022

Ich war unsicher, was ich als nächstes hier schreiben wollte. Da kam der Gedanke auf, ein Gespräch zum neuen Jahr zu führen. Es dauerte nicht länger als vielleicht zehn Minuten. Es berührt mich immer wieder, wie auch in solch kurzen Gesprächen neue Gedanken, Idee, Zusammenhänge auftauchen und welche Erinnerungen sich melden können.

Und hier ist sie nun also – die Mitschrift eines kurzes Gesprächs zum Jahresende 2021.

Wenn Du so an 2022 denkst… was geht Dir da so durch den Sinn?

Naja, dass es halt schon seltsam ist. Einerseits, ein neues Jahr, niegelnagelneu, unverbraucht, voller Möglichkeiten. Aber ich, ich bin halt nicht unverbraucht, trage meine Geschichte mit in dieses neue Jahr. Und trotzdem ist es jedesmal doch irgendwie was Besonderes…

Was Besonderes?

Ja, so wie… kennst Du das Lied „Morning has broken“? Da geht es ja auch genau um das, um dieses Unverbrauchte, Neue, Möglichkeitsreiche. Jeder Tag ist ein neuer Tag. Jedes Jahr ein neues Jahr. Ich glaube, früher, da konnte ich… da.. da fiel es mir leichter, mich in diese Stimmung reinzufinden: „Ein neuer Tag, wie großartig“. Glaub ich halt jedenfalls.

Magst mir diese Stimmung beschreiben?

Ja, das ist so… so eine Aufbruchsstimmung. Ich glaube, ich weiß jetzt nicht wieso, ich glaube, wie am Morgen vor so einer Bergwanderung. Rucksack ist gepackt, Essen eingepackt, wir wissen, wo wir hinwollen, das Wetter ist gut. Ist halt kein Alltag. Der Alltag, wenn man den immer so mitschleppt, weißt du… der macht es schwer, dieses Neue, diese Stimmung aufkommen zu lassen.

Eine Bergwanderung?

Ja. Ist lange her, dass ich eine gemacht habe in dieser Stimmung. Das ist eher so eine Erinnerung an meine Jugend, glaube ich. Oder nur Phantasie, mir fällt jetzt grad kein Beispiel ein, aber so stell ich’s mir halt vor. So einfach losziehen. Ein bisserl war das so, als ich mit einer Cousine im Elbsandsteingebirge wandern war. Aber vielleicht… vielleicht war das auch nicht so, und ich wünsche es mir halt nur. Die Erinnerung ist manchmal ein trügerischer Hund!

Wie war das mit dem Elbsandsteingebirge?

Naja, mit einer Cousine von mir, aus Berlin, hatte ich eine Weile mehr Kontakt, wohl so mit Briefen und so. Und irgendwann kam da die Idee auf, keine Ahnung von wem, dass wir ja mal wandern gehen könnten zu zweit. Erstmal wollten wir rauf nach Polen, glaube ich, dann ist es das Elbsandsteingebirge geworden. Ich glaube, das war mir auch lieber so, ich bin…. naja, ich weiß nicht. Ja, und dann sind wir da eine Woche oder so gewandert, mit Zelt, einem Campingkocher und so. War eine gute Zeit, sie hat mir dann und wann ein russisches Gedicht vorgetragen. Russisch klingt… ja, irgendwie… gefällt mir halt.

Was habt´‘ s ihr so beim Wandern gesehen?

Wald, Felsen, dann diese Festung, ich glaube Königstein oder so heißt sie, sehr eindrucksvoll. Und Steinformationen. Ja, und auf der Elbe die großen Ausflugsschiffe, die haben sich in der Elbe gedreht, um wieder zurückfahren zu können. Da dachte ich mir, das geht sich doch nie aus, das Schiff war ja so lang wie der Fluss breit ist. Aber hat immer funktioniert.

Magst mir was von den Steinformationen erzählen?

Naja, die… nee, ich bin gerade ganz woanders. Wieder bei diesem Neuanfang oder so.

Was hat es mit dem Neuanfang auf sich?

Ich muss grad an so ein Schild denken, das war… das hing in einer Werkstatt. Vielleicht beim Heini in der Schuhwerkstatt, oder in der Obermühle oder sonst einem solchen Handwerksbetrieb. Das stand drauf was in der Art von „Und jeden Tag wieder: Du hast die Chance, Dein Bestes zu geben“ oder „Du hast die Chance, diesen Tag zum besten Deines Lebens zu machen“. Auf alle Fälle stand was von „Chance“. Vielleicht ist es das, was der Jahreswechsel macht, an was…. ja, an was er mich erinnert. Dass die Chance besteht. Die Chance, das eine oder andere vielleicht anders oder sogar besser zu machen.

Wollen wir es bei dieser Chance belassen? Oder gibt es etwas, das noch gesagt werden mag?

Nee, nee, das ist gut so. Können wir gut so stehen lassen.

Dann: danke für das Gespräch.

Danke für die Fragen und Deine Zeit!

Interventionen (3)

Interventionen (3)

Die hier beschriebenen Interventionstechniken sind vom Irritationsniveau schon ein bisserl höher als die in Teil 2 beschriebenen. Je höher das Irritationsniveau, desto sicherer muss ich mir in der Anwendung dieser Techniken sein, da ich ja die gute Beziehung zu meinem Gegenüber, die unbedingt vorhanden sein muss, nicht überstrapazieren möchte.

Bild von kasiaczernik auf Pixabay

Personifizieren

Bei körperlich beschreibbaren Symptomen ist es oft hilfreich, die betroffenen Organe selbst zu Wort kommen zu lassen. Unsere Sprache ist ja reich an entsprechenden Redewendungen – „Das liegt mir wie ein Stein im Magen“, „Da platzt mir der Kragen“, „Das lastet auf meinen Schultern“ und so weiter.

„Das ganze ist wie ein riesen Gewicht, das ich auf den Schultern herumschleppen muss.“ – „Und was sagen Deine Schultern dazu?“

Gesprächsausschnitt

Durch das Personifizieren kommt einerseits ein Perspektivenwechsel zustande, gleichzeitig wird eine gewisse Distanz geschaffen, was durchaus erleichternd sein kann.

Erklärungen anbieten

Normalerweise gebe ich während eines idiolektischen Gespräches wenig bis gar nichts Eigenes an Wissen und Erfahrung dazu. Manchmal mache ich da aber eine Ausnahme – wenn z.B. ein Verhalten als problematisch empfunden wird, das sich aber durch z.B. archaische Relikte erklären lassen kann.

„In solchen Situationen beginnt mein Herz zu rasen, das muss ich dann ganz tief und bewusst atmen… ist voll unangenehm, das kannst Du mir glauben.“ – „Magst Du was zu diesem Herzrasen hören, was mir dazu einfällt?“ – „Hmm… ja, gut.“ – „Also, …“

Gesprächsausschnitt

Es kann entlastend wirken, eine neue Interpretation eines Verhaltens zu hören. Manchmal kann man auch sein Gegenüber direkt fragen, ob er über ein entsprechendes Wissen verfügt:

„In solchen Situationen beginnt mein Herz zu rasen, das muss ich dann ganz tief und bewusst atmen… ist voll unangenehm, das kannst Du mir glauben.“ – „Und was meinst Du… gibt es Situationen, in denen Herzrasen sinnvoll sein könnte?“

alternativer Gesprächsverlauf

Die andere Seite

David Jonas spricht hier auch von „der Kehrseite der Medaille“, wenn ich mich recht erinnere. Wir fragen also quasi nach der anderen Seite der Medaille, nachdem uns die eine beschrieben wurde.

„Es ist schon ziemlich mühselig, weißt Du… Da jeden Tag dafür die Energie aufbringen, das ist schon hart irgendwie, fällt mir manchmal richtig schwer, weißt Du…“ – „Und wenn es Dir leicht fallen würde, was wäre dann?“

Gesprächsausschnitt aus der Erinnerung

Kristallisationspunkte erzeugen

Hinter diesem Begriff (den Du wohl vergeblich in der Literatur suchen würdest) verstecken sich für mich eine Reihe an Interventionen, die mein Gegenüber zu klaren Aussagen verleiten. Was für Beispiele fallen mir dafür ein… mal sehen:

Übertreibung mit angehängter Provokation

„Irgendwie komme ich mit dem ganzen schon klar, ich meine… ja, ich hab mich arrangiert und bin eigentlich ganz zufrieden.“ – „Das ist ja ein großartiges Arrangement… Wo ist dann das Problem?“ – „He, ich hab nie gesagt, dass es großartig wäre! …“

Gesprächsausschnitt aus der Erinnerung

Bei der Übertreibung lasse ich sozusagen die einschränkenden Aussagen weg („im großen und ganzen“ und „eigentlich“) und lege noch ein Schäuferl nach bis hin zur provokanten Frage, wo denn dann das Problem sei. Dazu ist anzumerken, dass mein Gegenüber immer wieder betonte, wie schwer die Situation für ihn sei, und dass er sich halt arrangiert hätte. Beim ersten Auftreten einer solchen Aussage wäre eine derartige Intervention aus meiner Sicht nicht angemessen!

Advocatus Diaboli

Hier nehme ich ganz bewusst die Gegenposition zu dem Gesagten ein. Dabei ist eine gewisse Vorsicht geboten, denn es könnte ja bei den Gesprächspartnern so ankommen, als würde ich sie nicht ganz ernst nehmen oder argumentativ auf die Probe stellen wollen. Diese Technik kann man auch wunderbar anwenden, wenn der Gesprächspartner z.B. eine Lösung für ein Problem gefunden hat – dadurch, dass ich hier die Position des alten Verhaltens einnehme und argumentiere, können eventuell weitere, bislang noch nicht sichtbar gewordene Aspekte Berücksichtigung finden.

Widersprüche aufzeigen

Üblicherweise werde ich meine Gesprächspartner nicht auf Widersprüche hinweisen, die sich aus deren Aussagen ergeben. Der Mensch ist ein durchaus mit Widersprüchen behaftetes Wesen, und es ist nicht nötig, dass wir das einander ständig unter die Nase reiben.

Als Interventionstechnik dagegen -also sparsam angewandt, in einem Gespräch, das bereits von einer vertrauensvollen Beziehung getragen wird- kann ein solcher Hinweis dazu führen, dass eine Situation oder widerstreitende Gefühle oder Bedürfnisse nochmals angesehen werden. Oft führt eine derartige Intervention zu einer Klärung der Rahmenbedingungen, innerhalb derer die eine oder andere Aussage zutrifft.

„Jetzt kenne ich mich nicht aus… vorhin hast Du erzählt, wie gerne Du in Deiner Werkstatt stehst, welche Freude Dir das macht… und jetzt höre ich Dich sagen, du bist unsicher, ob die Werkstatt das Richtige für Dich ist oder nur ein Hirngespinst? Kannst du mir das nochmals erklären?“

Gesprächsausschnitt aus der Erinnerung

Und weil es so gut passt: Eine Auflistung etlicher Interventionstechniken findet sich im Buch „Idiolektik: richtig fragen“ (Horst Poimann, ISBN 978-3-930823-70-3), ergänzt von kleinen Gesprächsbeispielen.

Interventionen (2)

Interventionen (2)

Wie bereits an anderer Stelle geschrieben, ist ein Gespräch ohne Interventionen undenkbar. Die Interventionstechniken, die wir innerhalb der Idiolektik anwenden, unterscheiden sich hinsichtlich des Grades der Irritation, die sie hervorrufen. Hier sind nun einige Techniken angeführt, die tendenziell kaum Störung hervorrufen und gedacht sind, ein gut fließendes Gespräch durch kleine Anstöße am Laufen zu halten.

Bild von Ylanite Koppens auf Pixabay

Schlüsselworte nachfragen

Für mich ist dies sozusagen der Klassiker schlechthin. Sobald mir ein Wort auffällt, es konkret und vermeintlich unvergänglich ist, kann ich es schon aufgreifen und einfach danach fragen und es mir genauer beschreiben lassen.

„Schabernack?“ – „Ja, halt so Streiche, über die man mehr lacht als sich zu ärgern. So wie Kobolde es wohl machen würden.“ – „Kannst mir so einen Kobold beschreiben?“

Gesprächsausschnitt

Nichtsprachliche Elemente aufgreifen

Der Idiolekt beinhaltet ja nicht nur sprachliche Ausdrücke, sondern das Gesamtpaket aus Ausdruck, also auch z.B. Mimik, Gestik, Idiomotorik oder spontane Lautäußerungen. Auch auf diese kann man sich mit einfachen Fragen beziehen.

„Ja, und dann habe ich halt den ganzen Baum abgeschnitten, also umgeschnitten. Kam unerwartet… (lacht, aber ohne Mund zu öffnen) … aber so ist das nun einmal, manchmal halt (Bewegung beider Hände vom Schoß vor den Bauch, leicht nach außen, Handflächen zeigen nach oben).“ – „Kannst mit noch was zu dieser Bewegung (imitiert die Bewegung der Hände) sagen?“

Gesprächsauschnitt

Individuelle Bedeutung erfragen

Oft gehen wir davon aus, dass wir ein gemeinsames Verständnis mancher Begriffe haben, wie z.B. „klein“ oder „groß“. Oder „Urlaub“, oder „die Sonne scheint“. Sofort entstehen in uns Bilder dazu, die allerdings mit unserer Geschichte zu tun haben, nicht mit der der Anderen. Es lohnt sich nachzufragen, wie denn dieses Wort in den individuellen Kontext unserer Gesprächspartner eingebettet ist – dann und wann zeigt sich Erstaunliches!

„Ich hatte urlang keinen Urlaub mehr, weißt Du… also ich kann … jetzt kann ich ja eh keinen Urlaub nehmen, bin ja nicht angestellt, aber … ich nenne es halt trotzdem Urlaub wenn ich für paar Tage zusperre…“ – „Was bedeutet ‚Urlaub‘ für Dich?“

Gesprächsausschnitt

Sich den Nutzen erklären lassen

Diese Technik hat für mich viel mit der oben angeführten „individuellen Bedeutung“ zu tun, denn auch der Nutzen, den Menschen aus den vermeintlich selben Situationen oder Gegenständen ziehen, unterscheidet sich zum Teil gewaltig voneinander.

„Nun ja, da machte ich, … also … da gründete ich eine eigene Firma, also ein Ein-Frau-Unternehmen. Das war nicht leicht, also … da war ich allein, niemand hat, also… da hat mir kaum jemand geholfen. Aber jetzt… jetzt habe ich oder … bin ich eine eigene Firma, das ist super.“ – „Was ist das Gute daran, eine eigene Firma zu haben oder zu sein?“

Gesprächsausschnitt

Bilder und Metaphern aufgreifen

Wenn Worte nicht ausreichen, Situationen zu erklären, dann kommen Bilder und Metaphern ins Spiel. Sie werden häufig zur Darstellung von Sachverhalten oder Gefühlen genutzt, und es lohnt sich meist, sich die Bilder und Metaphern dann ganz konkret beschreiben zu lassen.

„Du wirst ja… also ich glaube du kennst das ja auch, das Gefühl auf dem falschen Dampfer zu sein. Da passt irgendwie gar nix mehr zusammen.“ – „Kannst Du mir diesen Dampfer mal beschreiben?“

Gesprächsausschnitt

Und weil es so gut passt: Eine Auflistung etlicher Interventionstechniken findet sich im Buch „Idiolektik: richtig fragen“ (Horst Poimann, ISBN 978-3-930823-70-3), ergänzt von kleinen Gesprächsbeispielen.

Interventionen

Interventionen

Das Verb „intervenieren“ bedeutet „in ein Geschehen eingreifen“. Es wird häufig im politischen und gesellschaftlichen Kontext verwendet. Wer interveniert, greift in einen Sachverhalt oder einen Vorgang ein, um eine Änderung zu bewirken.

https://neueswort.de/intervenieren
Bild von Lerkrat Tangsri auf Pixabay

Idiolektik ist vom Pinzip her eine minimalinvasive Form der Gesprächsführung. Minimalinvasiv, weil -so sehr wir uns als Fragenstellende auch an die Worte des anderen halten mögen- wir eine Auswahl treffen und eine Frage formulieren, mit der wir in das Gesprächsgeschehen eingreifen. Kommunikation ohne Intervention ist so gesehen gar nicht möglich.

Wenn wir also schon nicht ohne Intervention auskommen, so sollte diese zumindest möglichst professionell und angemessen ausfallen. Und die Angemessenheit ist situationsabhängig.

Ist das Gespräch gut im Fluss, so sehe ich für mich keine Notwendigkeit, diesen Fluss durch stärkere Interventionen zu stören. Es kann sogar sein, dass sich die erzählende Person im Nachhinein gar nicht an alle Fragen erinnert, da diese sich wie selbstverständlich in den Strom eingefügt haben.

In Situationen, wo sich das Gespräch z.B. im Kreis dreht, nutze ich etwas stärkere Interventionstechniken, die sozusagen als Kristallisationspunkte dienen können. Solche Interventionen sind wie kleine Erhöhungen oder Vertiefungen auf einem ansonsten ebenen Weg, den ich gehen kann, ohne ihm Aufmerksamkeit zu schenken – die Füße marschieren wie von selbst. Komme ich aber an eine kleine Senke oder Erhöhung, wird eine kleine Irritation gemeldet und die Aufmerksamkeit kurz auf den Weg gelenkt, bevor ich wieder meinen Rhythmus finde.

Ein kleines Beispiel: In einem Gespräch äußerte mein Gegenüber immer wieder, wie unsicher er im Umgang mit anderen Menschen sei, betonte aber, dass diese dies aber nie bemerken würden, worauf er mehrmals mit einem gewissen Stolz verwies.

„Und die bemerken es nicht einmal (lacht), ich bin scheinbar ein verdammt guter Schauspieler!“ – „Und wo liegt dann das Problem? Das hört sich doch wunderbar an!“ – (Pause) – „Hmm, nein, es… Das Schauspielen macht mich müde, das mag ich nicht mehr.“

Gesprächsauszug

Durch diese Intervention sah sich mein Gegenüber veranlasst, die provokative Bemerkung richtigzustellen, Stellung zu beziehen und den Sachverhalt genauer zu erläutern. Dass das Schauspielen müde machen würde, war bislang nicht Thema gewesen.

Das Spektrum der Interventionen ist weit. Angefangen bei den sich nahtlos in den Verlauf einordnenden geht es über kleine Irritationen bis hin zu beabsichtigten Provokationen, die schon ein gefestigtes Vertrauen in der Beziehung voraussetzen.

Das Beherrschen von Interventionstechniken kann Gespräche lebendiger machen, und erweitert das Repertoire möglicher Reaktionmöglichkeiten auf das Erzählte.

Ich bin fast versucht zu sagen: Interventionen sind die Gewürze, mit denen wir Gespräche verfeinern können. Das wäre doch mal ein interessanter Gedanke: die Interventionstechniken Gewürzen zuzuordnen. Wer weiß, vielleicht mache ich das einmal…

Eine Bemerkung zum Schluss:

Eine Auflistung etlicher Interventionstechniken findet sich im Buch „Idiolektik: richtig fragen“ (Horst Poimann, ISBN 978-3-930823-70-3), ergänzt von kleinen Gesprächsbeispielen.

Meine Idiolektik-Kiste

Meine Idiolektik-Kiste

Manchmal stelle ich mir vor, dass all jene Fertigkeiten und Haltungen, die zum Gelingen idiolektischer Gespräche beitragen, hübsch geordnet und griffbereit in einer Kiste bereitliegen. Was für Gegenstände und Werkzeuge wären das zum Beispiel? Hier eine unvollständige Aufzählung…

Bild von an_photos auf Pixabay

Rote Clownnase

Humor bringt -richtig dosiert- Leichtigkeit in unsere Gespräche. Humor hilft, verschiedene Perspektiven oder Blickpunkte einzunehmen. Humor ist ein Rettungsring, rot weiß gestreift, der uns nicht untergehen lässt.

Durch Humor schaffen wir eine Distanz zum Geschehen und somit mehr Bewegungsfreiraum. Dadurch können andere Gedanken und Ideen entstehen, als wäre wir „mitten drin“.

Oft lässt uns Humor lächeln. Und lächeln ändert unsere Physiologie, lässt Erinnerungen leichter werden. Vielleicht hilft es auch, Erleuchtung in der einen oder anderen Angelegenheit zu erlangen – Buddha wird wohl einen Grund haben, zu lächeln.

Pinsel, Farbe und Leinwand

In der Idiolektik fragen wir gerne nach Bildern, lassen uns auch mal Gegenstände und Situationen plastisch beschreiben. Bilder sind vielschichtig, und meist, wenn nicht sogar immer, schwingen in der Beschreibung unbewusst Erinnerungen, Gefühle, Körperempfindungen mit, die mit diesem Bild assoziiert sind.

Vom Bild lassen sich ausgesprochene und unausgesprochene Verknüpfungen herstellen zu anderen Themen, Gefühlen oder Situationen, an denen somit sozusagen nebenbei gearbeitet werden kann.

Und wenn Unsagbares Ausdruck finden mag, dann können wir mit Fragen der Art „Und wenn Du das in ein Bild packen würdest… was wäre das für ein Bild?“ einen kleinen Umweg gehen und voranschreiten.

Mikrophon

Ich finde es immer wieder erstaunlich, welch einen Unterschied es macht, Sätze nur zu denken oder laut auszusprechen. Da bekommen Dinge oft Gewicht oder Tiefe.

Sei es, dass es das Sich-Selbst-Hören ist, sei es das Gefühl, dass da jemand ist, der präsent ist und zuhört, oder die Mischung aus beidem – das Aussprechen von Gedanken hat oft große Wirkung.

Lupe

Durch das detaillierte Nachfragen treten ab und dann Kleinigkeiten zu Tage, die sonst übersehen werden. Und dieses Sichtbarwerden des sonst Übersehenen ist oft berührend.

Manchmal habe ich den Eindruck, als würden diese Kleinigkeiten durch das genau Betrachten gewürdigt werden, und durch diese Würdigung so etwas wie Heilung geschehen können.

Und es ist immer wieder ein großes Geschenk, solche Momente erleben und begleiten zu dürfen.