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Kategorie: Technikbetrachtung

Ressourcenorientierung und schwierige Themen

Ressourcenorientierung und schwierige Themen

In der Idiolektik sind wir bestrebt, immer wieder ressourcenvolle Inhalte aufzugreifen. „Aber man muss doch auch über die Probleme reden können!“, wird dem dann oft entgegengehalten. Grund genug, einige Gedanken zu diesem Thema niederzuschreiben. Dabei kommen wir nicht umhin, auch das Thema „Erinnerung“ zu streifen, wobei wir der Komplexität des Themas nicht gerecht werden können und es bei einem Anstreifen bleiben wird.

Meine Erinnerungen sind stets als ganze Netzwerke gespeichert, deren einzelne Fäden mir nicht bewusst sind. In der Neurowissenshaft gibt es den netten Satz „Neurons that fire together, wire together“, auch als „Hebbsches Gesetz“ bekannt: Neuronen, die gleichzeitig aktiviert werden, vernetzen sich miteinander. Und diese Vernetzung sorgt dafür, dass beim Aktivieren eines Neurons auch sämtliche damit vernetzten Neuronen aktiviert werden.

Wieso ist dies wichtig, bzw. was hat das mit dem Thema zu tun? Nehmen wir mal ein sehr vereinfachtes Beispiel: Ich bin auf dem Weg zum Bäcker. Ich rieche schon den vertrauten Duft frischen Brotes, es nieselt leicht. Vor mit geht eine Mann mit bunten Gummistiefeln. Kurv bevor ich den Laden betreten kann, geht ein Kunde aus dem Geschäft, ich höre die altmodische Ladentür bimmeln. Und in dem Moment fährt ein Auto aus der neben dem Bäcker liegenden Hausausfahrt und rammt mich. Es ist nicht Wildes passiert, eine Verstauchung, ein blauer Fleck, aber der Schreck sitzt tief.

Vor allem Erlebnisse, die unsere soziale oder physische Integrität bedrohen, werden mit einer enormen Erinnerungsdichte gespeichert (dies mag der Grund sein, weswegen viele Menschen derartige Ereignisse als wie in Zeitlupe ablaufend beschreiben). Die Amygdala sorgt dafür, dass diese Situation mit all ihren Details ohne Umwege im episodischen Gedächtnis landet. Dieses „ohne Umweg“ kann aber auch dazu führen, dass wir keine bewusst reproduzierbare Erinnerung an diese Ereignisfolge bilden können.

Nun ist es so, dass eine Instanz (der anteriore cinguläre Cortex) in uns beständig dabei ist, ständig das Umfeld zu beobachten: einerseits sozusagen das innere Umfeld wie Blutdruck, Herzschlag etc. und andererseits die äußere Umwelt. Diese Instanz ist spezialisiert darauf, als bedrohlich gespeicherte Elemente zu identifizieren, um schnellstmöglich reagieren zu können. Da wird nicht langwierig analysiert oder nachgefragt, es geht darum, die Gefahr rasch zu erkennen und rasch zu reagieren. Entdeckt diese Instanz nun auch nur zwei Elemente, die zu einem derartigen Erinnerungsnetzwerk gehören, wird die Amygdala informiert und die aus Sicht dieser vorsprachlichen Instanz angemessenen Reaktionen gestartet. Und zwar ohne Rücksprache mit unserem Bewusstsein.

Dies könnte in unserem fiktiven Beispiel dazu führen, dass Nieselregen und das gleichzeitige Geräusch einer Türglocke zu einer scheinbar unverhältnismäßigen Reaktionen führen. Adrenalin wird ausgeschüttet, der Herzschlag ist beschleunigt, die Brustmuskulatur wird angespannt… Und ich könnte beginnen, mir ernsthaft Sorgen über diese Zustände zu machen, denn deren Ursache entzieht sich ja meinem Bewusstsein.

Derartige unbewusste Mechanismen können eine echte Einschränkung der Lebensqualität darstellen – diese Körperreaktionen überfallen mich ja wie aus heiterem Himmel. Und so habe ich das Gefühl, unerklärliche Angstattacken zu haben, und die Frage drängt sich auf, was denn mit mir nicht stimmt.

Wenn in einer Gesprächssequenz die Rede auf ein Erlebnis kommt, in dem sich mein Gegenüber als stark, kompetent und selbstwirksam erlebt hat, und dann aus dieser Grundhaltung auf die problematisch Situation (deren Ursachen oder Auslöser ja nicht bekannt sein müssen) geschaut wird, passiert etwas Spannendes: die eben generierte Erinnerung der Stärke, der Eigenwirksamkeit hängt sich quasi an das Netzwerk, das die problematische Situation präsentiert. Denken wir an das oben genannte Hebbsche Gesetz: wird in mir nun wieder durch Nieselregen und bunte Gummistiefel diese seltsame Reaktion ausgelöst, werden nun parallel dazu auch die Erinnerungen an Stärke und Eigenwirksamkeit aktiviert, was eine veränderte Wahrnehmung der Situation zu Folge haben kann. Und zwar ohne, dass ich nun „verstehen“ würde, was denn die Ursachen wären.

Und das kann ungemein hilfreich sein.

Meine Idiolektik-Kiste

Meine Idiolektik-Kiste

Manchmal stelle ich mir vor, dass all jene Fertigkeiten und Haltungen, die zum Gelingen idiolektischer Gespräche beitragen, hübsch geordnet und griffbereit in einer Kiste bereitliegen. Was für Gegenstände und Werkzeuge wären das zum Beispiel? Hier eine unvollständige Aufzählung…

Bild von an_photos auf Pixabay

Rote Clownnase

Humor bringt -richtig dosiert- Leichtigkeit in unsere Gespräche. Humor hilft, verschiedene Perspektiven oder Blickpunkte einzunehmen. Humor ist ein Rettungsring, rot weiß gestreift, der uns nicht untergehen lässt.

Durch Humor schaffen wir eine Distanz zum Geschehen und somit mehr Bewegungsfreiraum. Dadurch können andere Gedanken und Ideen entstehen, als wäre wir „mitten drin“.

Oft lässt uns Humor lächeln. Und lächeln ändert unsere Physiologie, lässt Erinnerungen leichter werden. Vielleicht hilft es auch, Erleuchtung in der einen oder anderen Angelegenheit zu erlangen – Buddha wird wohl einen Grund haben, zu lächeln.

Pinsel, Farbe und Leinwand

In der Idiolektik fragen wir gerne nach Bildern, lassen uns auch mal Gegenstände und Situationen plastisch beschreiben. Bilder sind vielschichtig, und meist, wenn nicht sogar immer, schwingen in der Beschreibung unbewusst Erinnerungen, Gefühle, Körperempfindungen mit, die mit diesem Bild assoziiert sind.

Vom Bild lassen sich ausgesprochene und unausgesprochene Verknüpfungen herstellen zu anderen Themen, Gefühlen oder Situationen, an denen somit sozusagen nebenbei gearbeitet werden kann.

Und wenn Unsagbares Ausdruck finden mag, dann können wir mit Fragen der Art „Und wenn Du das in ein Bild packen würdest… was wäre das für ein Bild?“ einen kleinen Umweg gehen und voranschreiten.

Mikrophon

Ich finde es immer wieder erstaunlich, welch einen Unterschied es macht, Sätze nur zu denken oder laut auszusprechen. Da bekommen Dinge oft Gewicht oder Tiefe.

Sei es, dass es das Sich-Selbst-Hören ist, sei es das Gefühl, dass da jemand ist, der präsent ist und zuhört, oder die Mischung aus beidem – das Aussprechen von Gedanken hat oft große Wirkung.

Lupe

Durch das detaillierte Nachfragen treten ab und dann Kleinigkeiten zu Tage, die sonst übersehen werden. Und dieses Sichtbarwerden des sonst Übersehenen ist oft berührend.

Manchmal habe ich den Eindruck, als würden diese Kleinigkeiten durch das genau Betrachten gewürdigt werden, und durch diese Würdigung so etwas wie Heilung geschehen können.

Und es ist immer wieder ein großes Geschenk, solche Momente erleben und begleiten zu dürfen.

Fenster und Türen

Fenster und Türen

Was haben Fenster und Türen mit Idiolektik zu tun? Nun, mit jeder Frage, die ich stelle, lade ich mein Gegenüber dazu ein, einen anderen Raum zu betreten oder zu beschreiben. Nehmen wir als Beispiel eine Sequenz aus einem vorigen Beitrag „Das scheinbar Einfache“:

„Kannst mit einen Kugelschreiber beschreiben?“ – „Naja, der ist aus Holz, so handgedrechselt, den hab ich auf einem Kunsthandwerksmarkt gekauft.“ – „Was gab es da noch auf dem Kunsthandwerksmarkt?“

Gesprächsauszug

Das Wort „Kunsthandwerksmarkt“ ist die Tür in einen anderen Raum, die Frage danach eine Einladung, mich in diesen Raum mitzunehmen. Und so kann ein Gespräch von Raum zu Raum führen, scheinbar ohne Ziel und ohne Ordnung, immer orientiert am Gesagten.

Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay

Manche Räume haben auch Fenster, durch die man in andere Landschaften oder Räume blicken kann, ohne sie aber zu betreten. Es ist schwer in Worte zu fassen, was für mich diesen Unterschied ausmacht… Oft ist es ein Zögern in der Stimmmelodie, das mir anzeigt, dass wie hier metaphorisch vor einem Fenster stehen, nicht vor einer Tür. Es kann sehr hilfreich sein, durch ein Fenster auf etwas zu blicken und es aus sicherer Distanz zu beschreiben.

Manchmal können wir als Fragende helfen, aus dem direken Geschehen herauszutreten, Distanz zu schaffen und den Blick durch ein solches metaphorisches Fenster lenken:

Es ist alles so unglaublich eng und dicht. Da ist… weißt, da ist kaum Bewegung mehr möglich, und Überblick hab ich auch keinen.“ – „Wo müsstest Du sein, um Überblick zu haben?“ – „Keine Ahnung. Weiter weg halt.“ – „Und wenn Du weiter weg bist: wie schaut dieses eng und dicht aus?“ – „Witzig… eigentlich recht klein, ich hätte es mir größer vorgestellt.

Gesprächsauszug

Wie kann man noch einen „Blick durch ein Fenster“ initiieren? Zum Beispiel können wir unser Gegenüber bitten, eine Metapher oder ein Bild für eine belastende Situation zu finden.

(„Eng und dicht“ wurde in dem Gespäch mehrmals wieder aufgenommen) „Da ist es ja schon wieder, dieses eng und dicht!“ – „Wenn Du diesem eng und dicht so nachspürst… und es zeichnen würdest… wie würde dieses Bild wohl aussehen?“ – „Puh… ich kann nicht gut zeichnen. Aber so als erstes kommt mir ein Wollknäuel in den Sinn, also so ein… da sind ganz viele Fäden drin, nicht nur einer. Das sieht man an den, an den vielen Enden, die da so rausschauen überall.“ – „Was sind das für Fäden?“ – „Naja, ziemlich bunt auf alle Fälle. Einige sind dick, andere dünn, wahrscheinlich sind sie auch unterschiedlich lang, aber… aber das lässt sich nicht sehen.

Gesprächsausschnitt

Es fällt oft leichter, über diese entstehenden Bilder zu sprechen – sie sind konkret, man wahrt eine gewisse Distanz. Und wir als Fragende können sicher sein, dass eine oder mehrere Instanzen der/des Erzählenden alle möglichen Querverbindungen zu dem eigentlichen Thema machen.

Dann und wann dürfen wir teilhaben an einem Aha-Erlebnis, wenn plötzlich ein ganz neuer Blick auf etwas ermöglicht wird, und sich neue Spielräume eröffnen. Aber wesentlich öfter sind die Auswirkungen derartiger Gespräche, Bilder und Gedanken erst später spür- und erlebbar, und nicht immer kommen wir in den Genuß einer solchen unmittelbaren Teilhabe.

Auf alle Fälle erlebe ich diese Möglichkeit des „Blickens durch das Fenster“ immer wieder als sehr hilfreich bei Gesprächen. Dieser Abstand kann etwas Leichtigkeit und Entspannung bringen, und damit Zugang zu Verhaltensmöglichkeiten und Ressourcen ermöglichen, die im „mitten drin sein“ rein physiologisch nicht zur Verfügung stehen.

Eine wunderbare Sache, finde ich!

Schlüsselwörter

Schlüsselwörter

Schlüsselwörter sind ein zentraler Begriff in der Technik des idiolektische Fragens. Auf der Website idiolektik.de wird beschrieben „Ein Schlüsselwort tritt durch klangliche und körpersprachliche Merkmale aus der Mitteilung hervor und ist ein bedeutsamer Ausdruck von Eigensprache.„. Hier nun persönliche Betrachtungen rund um dieses Thema abseits technischer Definitionen…

Bild von Marc Pascual auf Pixabay

Schlüsselwörter bilden für mich den roten Faden, der sich durch ein Gespräch zieht. Sie sind die Orientierungspunkte, die ich als Fragender im Gespräch mit Dir zum Navigieren nutze. Durch die Auswahl kann ich bis zu einem gewissen Grade steuern, ob wir ruhige See haben oder ob wir in ein Gewitter geraten.

„Roter Faden“ könnte nun die Erwartung wecken, dass sich ein bestimmtes Thema durch das Gespräch zieht, indem es vielleicht von verschiedenen Seiten aus beleuchtet und betrachtet wird… So wie wir es eben von einem klassischen Gespräch erwarte würden. Aber das trifft nicht den Kern von Schlüsselworten. Ich wähle Schlüsselworte nicht dahingehend aus, ob sie in den Kontext des Gesagten oder vielleicht in das eingangs von Dir genannte Thema passen. Nein: ich kann sämtliche Schlüsselwörter gleichwertig für sich betrachten und mir das mich am meisten Anstrahlende herausgreifen. So kann das Gespräch inhaltlich munter auf einer Wiese starten, dann den Himmel streifen, dann Erinnerungen an eine Briefmarkensammlung ins Gedächtnis zurückrufen, und anschließend bei der Frage landen, was die perfekte Methode wäre, einen Germknödel zu machen.

Schlüsselwörter sind ein verbindendes Element zwischen meinem und Deinem Leben. Denn das, was mir von dem Gesagten entgegenleuchtet, rührt an Dinge, die auch irgendetwas mit mir, meinem Leben, meinen Erfahrungen zu tun haben. Dadurch bringen Deine Worte auch etwas in mir zu schwingen – passenderweise reden wir hier von „Resonanz“ – und in diesem gemeinsam entfalteten Raum bewegt sich das Gespräch.

Aber was mich an der Sache am meisten fasziniert, ist die individuelle Bedeutung und Einbettung dieser Wörter. Nehmen wir z.B. das simple Wort „Tür“. Die Tür, die Du vor Augen hast, wird eine gänzlich andere sein als jene, die ich mir ausmale, und das, was Du hinter der Tür erspähst, ist etwas ganz anderes, als das, was hinter meiner Tür wartet. Und es kann aufregend, spannend, berührend sein, mir erklären zu lassen, wie Deine Tür aussieht, mir erzählen zu lassen, was Du siehst, wenn Du die Tür öffnest… Schlüsselworte öffnen Türen zu Kammern, die Du zuvor vielleicht nicht bewusst oder anders wahrgenommen hast. Lass Dich überraschen, was es zu entdecken gibt.

Bild von Moshe Harosh auf Pixabay

Ich denke, ein ganz entscheidender Punkt bei gelingenden idiolektischen Gesprächen ist das kompromisslose Hintanstellen meiner eigenen Bilder, die sich natürlich unweigerlich auftun. Es geht ja gar nicht anders, denn Worte sind ja nicht lexikalisch in einem Gehirnspeicher abgelegt, sondern verbunden mit Sehen, Hören, Riechen, Erlebnissen, Emotionen. All diese gespeicherten Eindrücke schwingen im Wort „Tür“ mit, wenn wir es hören, aussprechen, lesen oder denken. Deswegen kann ich mich darauf verlassen, dass wenn ich bei Deiner Sprache bleibe, Du auf wunderbare Weise das Erzählte und Beschriebene mit Deiner Geschichte, mit Deinem Anliegen verbindest, ob bewusst oder unbewusst – wir sprechen hier von „Paralogik“, die eben auf der wunderbaren Fähigkeit unseres Gehirnes beruht, mannigfache Assoziationen herzustellen und sich diese nutzbar zu machen.

Also, ich finde das wunderbar …